Unschärfe mit hellem Orange und Blau in der Mitte, weich verlaufend.
In diesem Artikel

Fachkräftemangel in der Auftragsabwicklung: Was ist Ihr Plan, wenn der Wissensträger geht?

Niemand schreibt „unser bester Sachbearbeiter geht in zwei Jahren in Rente" in den Business Case für ein neues Software-Projekt. Trotzdem ist es in vielen mittelständischen Fertigungs- und Handelsunternehmen der eigentliche Auslöser, warum das Thema Automatisierung plötzlich Priorität bekommt: eine Abteilung mit zwei oder drei erfahrenen Kolleginnen und Kollegen, die seit Jahrzehnten wissen, wie ein bestimmter Kunde seine Bestellungen formuliert und welche Sonderregel für welchen Artikel gilt – und kein dokumentierter Prozess, der dieses Wissen überlebt, wenn einer von ihnen geht.

In unserem laufenden Austausch mit Auftragsabwicklungs- und Vertriebsinnendienst-Teams zieht sich ein Muster durch einen auffällig hohen Anteil dieser Gespräche: Es geht längst nicht mehr nur um Effizienz. Es geht um Kontinuität.

Das Wichtigste in Kürze

  • Fachkräftemangel in der Auftragsabwicklung zeigt sich in der Praxis in drei wiederkehrenden Formen: Renteneintritt von Wissensträgern, unbesetzte Stellen und „Ein-Personen-Abteilungen" ohne Vertretung.
  • Das verändert die Investitionslogik: Automatisierung wird von einer reinen Kostenfrage zu einer Kontinuitäts- und Risikofrage.
  • Ein einfacher Selbsttest hilft, den eigenen „Bus-Faktor" in der Auftragsabwicklung realistisch einzuschätzen.
  • Unternehmen, die diesen Weg bereits gehen, setzen fast durchgängig auf einen gestuften Rollout statt auf einen Big-Bang-Wechsel.

Drei Varianten eines Problems

1. Der Renteneintritt der Wissensträger

Erfahrene Mitarbeitende, die in den kommenden Jahren in Rente gehen, nehmen nicht nur Arbeitskraft mit, sondern auch Detailwissen über Kundenlogik, Sonderkonditionen und Ausnahmefälle, das nirgendwo schriftlich festgehalten ist. Neue Kolleginnen und Kollegen bringen dieses Wissen selten von Anfang an mit, der Wiederaufbau kostet Monate, manchmal Jahre.

2. Die „Ein-Personen-Abteilung"

Die Automatisierung der Auftragserfassung als Kontinuitätsproblem, nicht als Kostenproblem: Einzelne Standorte werden faktisch oft von einer einzigen Person betrieben. Fällt diese Person kurzfristig aus – Krankheit, Kündigung, Urlaub – steht die Auftragsabwicklung an diesem Standort. Automatisierung wird hier explizit nicht mit Personalabbau begründet, sondern mit Ausfallsicherheit.

3. Der tägliche Personalmangel

Der Auftragseingang wächst, aber das Team wächst nicht mit. Die Folge ist ein ständiges Abwägen, welche Aufträge zuerst bearbeitet werden - mit dem Risiko, dass Aufträge liegen bleiben oder an externe Anbieter abwandern.

Warum das die ROI-Rechnung verändert

Klassische Business Cases für Automatisierung rechnen mit eingesparter Zeit pro Dokument. Das bleibt richtig, ist aber nicht mehr das ganze Bild. Wenn die Alternative zur Automatisierung nicht „mehr Personal einstellen", sondern „gar kein Personal finden" lautet, verschiebt sich die Frage von Kostenreduktion zu Handlungsfähigkeit. Unternehmen, die diese Rechnung so aufmachen, kommen häufig schneller zu einer Entscheidung, weil das Risiko eines Totalausfalls schwerer wiegt als jede Amortisationsrechnung.

Was Unternehmen aktuell tatsächlich tun

In der Praxis beobachten wir selten den kompletten Wechsel an einem einzigen Tag. Stattdessen setzen die Teams, die aktuell automatisieren, auf ein wiederkehrendes Muster:

  • Gestufte Mengen: In der ersten Woche werden nur wenige Aufträge pro Tag automatisiert bearbeitet, die Menge steigt wöchentlich, bis das gesamte Team umgestellt ist.
  • Pilotteams statt Big Bang: Ein oder zwei erfahrene Mitarbeitende testen die neue Lösung zuerst und geben das Wissen anschließend an das restliche Team weiter – genau die Wissensweitergabe, die vorher informell und ungeplant passiert ist.
  • Dokumentation als Nebeneffekt: Weil eine KI-gestützte Lösung lernen muss, wie Ausnahmefälle zu behandeln sind, entsteht nebenbei eine Art Prozessdokumentation, die vorher nur in den Köpfen einzelner Personen existierte.

Selbsttest: Wie hoch ist Ihr "Bus-Faktor" in der Auftragsabwicklung?

Fünf Fragen, die in fünf Minuten eine ehrliche Einschätzung liefern:

  1. Wie viele Personen könnten den Auftragsabwicklungsprozess für Ihren größten Kunden komplett übernehmen, ohne Rückfragen zu stellen?
  2. Gibt es für Sonderregeln (Rabatte, bevorzugte Lieferadressen, kundenspezifische Artikelnummern) eine schriftliche Dokumentation – oder nur „das weiß die Sabine"?
  3. Wie lange würde die Einarbeitung einer neuen Person in Ihre Auftragsabwicklung dauern, realistisch geschätzt?
  4. Wie viele Mitarbeitende in der Auftragsabwicklung sind 55 Jahre oder älter?
  5. Was passiert konkret, wenn Ihr erfahrenster Sachbearbeiter morgen für vier Wochen krankheitsbedingt ausfällt?

💡 Je öfter die Antwort in Richtung „eine einzige Person" oder „wir wissen es nicht genau" geht, desto dringlicher ist das Thema! 

Häufig gestellte Fragen (FAQs)

Ist das Thema Fachkräftemangel nur für große Unternehmen relevant?

Im Gegenteil: Kleinere und mittelständische Unternehmen sind oft stärker betroffen, weil einzelne Abteilungen dort häufig aus nur ein oder zwei Personen bestehen. Ein Ausfall trifft hier sofort den gesamten Prozess, während größere Unternehmen eher über Vertretungen verfügen.

Bedeutet Automatisierung der Auftragsabwicklung automatisch Stellenabbau?

In den meisten Fällen, die wir begleiten, ist das Gegenteil der Fall: Automatisierung wird eingeführt, weil offene Stellen nicht besetzt werden können oder erfahrene Mitarbeitende in absehbarer Zeit ausscheiden. Ziel ist, das bestehende Team zu entlasten und für wertschöpfendere Aufgaben freizuspielen, nicht es zu verkleinern.

Wie schnell lässt sich eine automatisierte Auftragsabwicklung einführen?

Das hängt von der Dokumentenvielfalt und der ERP-Anbindung ab. In der Praxis sehen wir häufig einen Zeitraum von wenigen Wochen bis zu rund zwei bis drei Monaten von der Entscheidung bis zu einem stabilen, produktiven Betrieb – mit einem gestuften Rollout statt eines Stichtags-Wechsels.

Wo fange ich an, wenn ich nicht genau weiß, wie abhängig wir von einzelnen Personen sind?

Der oben stehende Fünf-Fragen-Selbsttest ist ein guter erster Schritt. Im zweiten Schritt hilft ein Blick auf die tatsächliche Dokumentenlage: Wie viele Bestellungen kommen pro Woche per E-Mail oder PDF herein, und wie viele davon werden aktuell manuell erfasst?

Fazit

Fachkräftemangel in der Auftragsabwicklung ist selten das Thema, das offen auf der Tagesordnung steht. Meistens ist es der stille Grund hinter der Frage „sollten wir das automatisieren". Wer die eigene Abhängigkeit von einzelnen Personen ehrlich einschätzt, trifft die Entscheidung in der Regel früher und mit weniger Druck, als wenn der Ernstfall zuerst eintritt.

Jetzt weiterlesen: So funktioniert automatisierte Auftragsverarbeitung mit Workist.

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